Fortsetzung Blog Wirtschaftsethik: Gesetzliche Rahmenordnung

Wenn wirtschaftsethische Fragen behandelt werden, kommen wir fast automatisch mit Gesetzen und Verordnungen einer Gesellschaft in Berührung. Dabei haben Gesetze viel mit herrschenden Moralvorstellungen in einer Gesellschaft zu tun, denn oft münden diese Überzeugungen in gesetzliche Regelungen. Insofern sind Gesetze auch als das moralische Minimum anzusehen, welches eine Gesellschaft von Individuen und Unternehmen in Bezug auf ihr Verhalten erwartet (Carminati 2019).

Dazu eine ganz praktische Frage an Sie, als Leser, über die Sie bitte kurz nachdenken: Halten Sie es für ethisch ausreichend, wenn ein Unternehmen alle gesetzlichen Normen einhält, darüber hinaus jedoch keine moralischen Überlegungen anstellt?

Viele Menschen neigen dazu, diese Frage zunächst positiv zu beantworten und festzustellen, dass das Einhalten von Gesetzen auf jeden Fall schon ethisch ausreichend ist und alles Darüberhinausgehende sozusagen ein moralisches I-Tüpfelchen bedeutet. Gesetze können schlicht ethisch falsch sein oder aber es gibt in Teilbereichen keine Gesetze, dennoch aber ethische Normen, die einzuhalten sind (Ethics Institute 2012).

Zwei Beispiele sollen dies unterstreichen: Bis in die 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein war es in der Bundesrepublik Deutschland steuerrechtlich erlaubt, im Ausland gezahlte Bestechungsgelder bei der Körperschaftssteuer (also der Einkommenssteuer von Unternehmen) in Anrechnung zu bringen und somit die Steuerlast entsprechend zu reduzieren.


Die gleiche Handlung war im Inland aber ein Straftatbestand. Wer also im Ausland bestochen hat, hat dies ordnungsgemäß in der Gewinn- und Verlustrechnung vermerkt und somit alle Gesetze eingehalten. Aber ethisch vertretbar war die Handlung sicherlich nicht, so sehr sie auch den herrschenden Gesetzen entsprach.


Hier hat eine Gesetzesnorm im Grunde eine unmoralische Handlung legitimiert. Die Einhaltung von Gesetzen konstituiert daher noch nicht zwingend ethisch gutes Handeln.

Ein anderes Beispiel: Sie haben vielleicht schon einmal von den teilweise dramatischen Umweltverschmutzungen und Zerstörungen gehört, die von einigen multinationalen Firmen in verschiedenen Ländern (z. B. in Südamerika und Afrika) verursacht werden. Bitte machen Sie sich bewusst, dass diese Unternehmen, die ihre Hauptquartiere meist in westlichen Industrienationen unterhalten, in ihren Heimatländern niemals derartige Unternehmensaktivitäten ausführen könnten, ohne nicht sofort mit den Gesetzen dieser Länder in Konflikt zu geraten. Anders in den genannten Entwicklungsländern, in denen es oft noch gar keine Umweltschutzgesetzgebung gibt. Wiederum werden alle bestehenden Gesetze eingehalten und dennoch ist unmittelbar ersichtlich, dass die Handlungen ethisch nicht vertretbar sind.

Ethik beschäftigt sich eher mit der Frage nach dem guten Leben als mit den Handlungen, die moralisch richtig sind. Schließlich können wir auch feststellen, dass gesetzliche Regelungen die Bewertung von Handlungen auf juristische Regeln beschränken, während Ethik sich sehr stark auf anerkannte Prinzipien wie Freiheit, Wahrheit, Verantwortung und Gerechtigkeit stützt. Ethik kann insofern ein Gesetzessystem unterstützen.

Viele Unternehmen führen heute selbstbeschränkende Regeln ein, meistens in Form von Codes of Conduct oder Codes of Ethics. Diese Kodifizierungen spiegeln im Grunde die Erkenntnis wider, dass ethisches Verhalten weit über die Beachtung von Gesetzen hinausgeht. Dabei bleiben gesetzliche Regelungen aber von großer Bedeutung (Lynch-Wood/Williamson/Jenkins 2009). Für ethisches Handeln bedarf es jedoch mehr.


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