Faktoren, die ethische Probleme wahrscheinlicher machen

Wir wollen uns nun der Frage widmen, warum eine Person sich dazu entscheidet, unethisch zu handeln. Dabei ist es nebensächlich, ob diese Entscheidung bewusst oder unbewusst getroffen wird.


Generell sind die meisten Menschen von sich selbst überzeugt, ein guter Mensch zu sein und ein moralisch gutes Leben zu führen. Um diese These zu unterstreichen, stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie stehen vor einer Gruppe von Menschen und stellen die Frage, wer der Anwesenden davon ausgeht, ein guter Mensch zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich alle Personen der Gruppe melden ist sehr hoch. Nichtsdestotrotz kommt es vor, dass diese Menschen unethisch handeln. Aus der Kriminologie ist ein Modell bekannt – das sogenannte Dreieck des Betrugs –, anhand dessen die wesentlichen Voraussetzungen für Betrugsdelikte beschrieben werden (Cressey 1953).


Um dies direkt auf das Umfeld von Unternehmen zu beziehen, unterscheiden wir

• ein Motiv, die Handlung auszuführen (zumeist finanzieller Druck),

• die Gelegenheit zum Betrug und

• die Rationalisierung des Verhaltens durch den Täter.


Diese Beschreibung ist in erster Linie auf betrügerisches Verhalten bezogen, spiegeln sich jedoch auch in sehr vielen unethische Handlungen wieder.


Die Motivation und das Motiv für unethisches Verhalten im Wirtschaftsbereich sind sehr häufig finanzieller Druck. Das kann einerseits Individuen und anderseits auch Organisationen betreffen. Studien haben ergeben, dass das Fehlverhalten eines Mitarbeiters gegenüber seinem Unternehmen zumeist von einem Gefühl ausgeht, am Arbeitsplatz ungerecht behandelt zu werden (Association of Certified Fraud Examiners 2019).


Zur Ausübung unethischer Handlungen gehört zudem eine passende Möglichkeit. Die Motivation zu Fehlverhalten erhöht sich bei geringer Aufdeckungswahrscheinlichkeit (Association of Certified Fraud Examiners 2019).


Die Rationalisierung des eigenen Verhaltens durch den oder die Handelnden bedarf konkreter Erläuterungen. Ein maßgeblicher Aspekt bei der bewussten Ausübung unethischer Handlungen ist, dass der Akteur trotz seines Tuns sein Selbstbild als moralisch gute Person erhalten muss. Genau dies erfolgt mittels Rationalisierungen. Diese können recht unterschiedliche Gestalt annehmen, von „Es machen doch alle, da wäre ich ja dumm, wenn ich es nicht täte.“, „Ich schädige doch niemanden, wenn ich etwas weniger Steuern zahle.“, „Jeder nimmt mal eine Abkürzung.“, „Ich tue es ja nicht für mich, sondern für meine Familie.“, bis hin zu „Ich verdiene es.“. Diese Formen der Rationalisierung unterstützen maßgeblich, vor sich selbst auch weiterhin als guter Mensch bestehen zu können (Association of Certified Fraud Examiners 2019).


Lassen Sie uns weitere bedeutsame Punkte nennen, die unethisches Verhalten begünstigen können (vgl. dazu u. a. The Ethics Institute 2012): Egoismus und Selbstbezogenheit sind wesentliche Einflußfaktoren, die zu unethischem Verhalten führen können.


Hier dominieren die persönlichen Interessen jene der beruflichen und organisationalen Ebene. Häufig gehört dazu auch, sich seine Cleverness unter Beweis zu stellen, wenn man das System „beschummelt“ hat. Ein weiterer nennenswerter Punkt ist Angst. In einer zunehmend komplexen Arbeitswelt und insbesondere in Zeiten einer Pandemie nimmt diese tendenziell zu.


Die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, das Eingeständnis von seinen eigenen Fehlern, die Angst zu versagen, aber auch Ängste vor Konflikten und Bestrafungen sind Treiber die zu Fehlverhalten führen können. Bedenken Sie bitte, dass solche Fehlverhalten manchmal auch zum – zumindest kurzfristigen – wirtschaftlichen Vorteil des Unternehmens sind, wenn etwa ein Vertriebsmitarbeiter wegen des Umsatzdrucks seine Kunden vorsätzlich belügt, um mehr zu verkaufen (Vaughan 1982).


Ein wesentlicher Treiber für ethisches Fehlverhalten, ist die unkritische Akzeptanz von Autorität, durch die Mitarbeiter. Diese sehen sich manchmal regelrecht gezwungen, unethische Handlungen zu setzen. Das Risikopotenzial dafür ist in Unternehmen mit unterentwickelter Diskussionskultur höher einzustufen. Häufig äußern Mitarbeiter dann Sätze wie „Ich mache hier nur meinen Job.“ oder auch „Ich bin weisungsgebunden, also tue ich genau das, was mir aufgetragen wird.“. Der Mitarbeiter selbst sieht sich moralisch als quasi entmündigt an, was es ihm erleichtert, unethische Handlungen mit seinem Gewissen zu vereinbaren.


Die Probleme von empfundenen oder tatsächlichen Gruppenzwängen gehen in dieselbe Richtung. Auch hier wird eine Handlung unkritisch akzeptiert, weil die Gruppe dies so entschieden hat. Sich gegen die vorherrschende Meinung einer Gruppe zu stellen, erfordert eine Haltung, die nicht jede oder nicht jeder in jeder Situation aufzubringen vermag.


Zudem gibt es natürlich noch besondere Situationsfaktoren, die einen wesentlichen Einfluss haben können. Zu nennen sind hier vorrangig: Termin- oder/und Zeitdruck. Oft scheuen sich Personen, eine Handlung infrage zu stellen, wenn ein Prozess schon weit fortgeschritten ist. Es sind dann oft Gedanken wie etwa „Jetzt haben wir die Anlage fast fertiggestellt, wir können jetzt nicht alles noch einmal infrage stellen.“, die das Handeln bzw. Nicht-Handeln leiten.


Die genannten Faktoren können helfen, Verständnis für das Fehlverhalten einzelner Personen zu entwickeln. Bitte verwechseln Sie hier Verständnis nicht mit Akzeptanz. Bewusstsein zu schaffen und nachzuvollziehen, weshalb bestimmte Handlungen gesetzt werden und welche begünstigenden Faktoren zur Entstehung beitragen, tragen maßgeblich dazu bei ein Unternehmen so auszurichten, um Faktoren und Risikobereitschaft, die ethische Probleme wahrscheinlicher machen, zu reduzieren.



225 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen